Die Geisterspikes von Graz: Die ganze Stadt sucht den Nagl

Trotz fiebriger medialer Berichterstattung hat die Polizei noch immer nichts gefunden!

(Kräwinkel Zeitung, 5. Oktober 2017) Am 15. September, dem Tag der Demokratie, herrschte im kleinen Städtchen Krähwinkel Aufregung, weil über eine Presseaussendung mit dem Absender Murcamp mitgeteilt wurde, dass man Kenntnis davon erlangt hätte, dass sich zur Verhinderung von Baumrodungen Nägel an der Mur versteckt hielten, die im schlimmsten Fall zu Verletzungen führen könnten. Sofort verbreitete sich die Kunde in sozialen und unsozialen Medien in Windeseile und Empörung machte sich breit.

Die Krähwinkler Schreiber spuckten freudig in die Hände, konnten sie endlich wieder der Obrigkeit ihre Hörigkeit erweisen und gegen die unermüdlichen Naturschützer anschreiben und diese als „die Kraftwerksgegner“ und „die Aktivisten“ zu denunzieren: Aus der vagen Warnung wurde beim Staatsfunk und der Kronenzeitung die unumstößliche Gewissheit, dass Spikes eingeschlagen worden sind. Die Krone titelt gar etwas von „Psychoterror in Krähwinkel“ und lässt den Bürgermeister beschwören: "Das hat mit demokratischem Widerstand nichts mehr zu tun, das geht in Richtung Terrorismus!"

In einer Presseaussendung setzte die Holding der Stadt Krähwinkel den ihr verhassten Naturschützern gleich noch eine geifernd drauf: „Diese Aktion zeigt, dass die Aktivisten vor nichts zurückschrecken. Ganz zu schweigen von der Skrupellosigkeit bezüglich der Gefährdung von Menschen, wissen die Aktivisten auch nicht, welche Bäume tatsächlich geschnitten oder zukünftig eventuell gefällt werden sollen.“ Und beruhigte sogleich: „Die Arbeiter erkennen grundsätzlich sofort, ob Nägel in einen Baum eingeschlagen wurden.“

Treu ergebenen Krähwinkler nutzten die Gelegenheit um sich von den Spikes und allen anderen gefährlichen Aktionen wiederholt zu distanzieren und sich der Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen der Gesetze anzuschließen. Das wurde in der Kleinen Zeitung freudig zur Distanzierung vom „Murcamp“ und zur Zersplitterung der Proteste umgedeutet. Demokratie und Vielfalt sind den Hofberichterstattern zu anstrengend, weshalb offensichtlich ein „geschlossener Block“ mit einem Führer lieber wäre, weil dann keine umfassende Recherche notwendig wäre und die gekürzte Wiedergabe einer Presseaussendung die Arbeit erledigen würde.

Der Bürgermeister nutzt die Gelegenheit, um mit der Begründung „mit Spikern rede ich nicht“ weiter pauschal jeden Dialog mit seinen aufmüpfigen Untertanen zu verweigern und Stadtzerstörung und Spaltung der Stadt durch den Kraftwerksbau eisern durchzutauchen.

Etwas traurig stellten die Krähwinkler aber fest, „Es seien noch keine Nägel gefunden worden“ doch die „Kleine Zeitung“ wusste sich zu helfen und titelte am nächsten Tag: „Nägel in Bäumen gefunden: Holding Graz schaltet Polizei ein“ und schreibt, dass „Arbeiter und ein Fledermausexperte tatsächlich auf mit Nägeln gespickte Bäume“ gestoßen seien und präsentierte als Beweis das Foto eines Baumes, wo neben einem abgesägten Ast einen vermutlich 1 cm aus dem Baum ragender kleiner Stift der ein Nagel aber – aufgrund kreuzförmiger Schatten und Abschrägung vom Kopf zum Stiel hin – genausogut Cousin Schraube sein könnte. Laut Berichten minimale Länge für Spikes: 6 inch / 15 cm!

Zu klein, um einem Harvester gefährlich zu werden, geschweige denn, vom Sägeblatt getroffen zu werden. Dumm auch, dass auf der frischen Schnittstelle mit weißer Kalkfarbe Nullen gemalt sind und auch der vermeintliche Spike mit weißer Kalkfarbe bekleckert ist. Stolz verkündet die Bildunterschrift (samt Grammatikfehler): „Trotz Nagelfunde (oben): Die Arbeiten am Murkraftwerk gehen weiter!“

Ganz Krähwinkel sucht die Spikes

Nun sind unzählige Krähwinkler unterwegs, um „frisch eingeschlagene Nägel“ zu finden.

Besorgte Bürger*innen schlugen neuesten Gerüchten zufolge nun abermals Alarm, wurden nicht im Stadtpark ebenfalls Nägel in Bäumen gefunden. Dass es sich dabei um Markierung für die Inventarliste der Stadt handelt, wird als bösartiges Gerücht von der Krähwinkler Stadtverwaltung zurückgewiesen.

Die Nachtwächter von Krähwinkel sind auf jeden Fall zuversichtlich, auch passende Täter zu finden und diese gemeinsam mit der Krähwinkler Staatsanwaltschaft ohne weitere Beweise vor Gericht zu zerren, so wie sie es schon nach anderen Vorfällen getan haben.

Dass die Krähwinkler Obrigkeit und deren Hofberichterstatter einer Fakemeldung aufsitzen, die womöglich von enttäuschten Bürger*innen in Umlauf gesetzt worden ist, weil die Hofberichterstatter einseitig berichten und seriöse Aktionen mit ernsten, alle Krähwinkler betreffenden Themen, tot schweigen, muss ins Reich der Fabel verwiesen werden.

Warum sollte eine Krähwinkler Zeitung auch darüber berichten, dass im Sommer an gerodeten Stellen die Hitze brütet und nach dem Kraftwerksbau vermehrt ungefiltert bleibender Feinstaub die Gesundheit tausender Menschen, vor allem jener von Kindern, Alten und Kranken gefährden wird, nur weil das ein paar Aktivisten mit Wärmebildern bewiesen haben?

Das würde die Untertanen nur verwirren und womöglich gar den Ruf nach dem Gespenst von Demokratie und Menschenrechten entgegen der wohltätigen Einflüsse der wohlgenährten Hofparteien hörbar machen.

Sollte jedoch unvermeidbar sein, dass das Fehlen eigener Recherche sichtbar wird (manchmal aufgrund einer Beschwerde beim Presserat) dann folgt lediglich eine kurze Richtigstellung. Die ist jedoch bis zum heutigen Tage nicht erfolgt. Wir haben jedenfalls bei der Krähwinkler Polizei und der Staatsanwaltschaft angefragt und um Bekanntgabe gebeten, wie viele dieser ominösen „Nägel“ denn nun tatsächlich gefunden wurden. Selbst 3 Wochen nach der Angeblichen Spikung wurden noch keine Sachbeschädigenungen gefunden ...

Hat man sich aufgrund der großen Zahl oder des permanten Auf- und Abtauchens der Gesiterspikes immer wieder verzählt? Oder hat wer der Realität ein wenig nachgeholfen, wo doch beinahe jeder Haushalt im Besitz von Nagel und Hammer ist?

Gerne rufen wir die Bevölkerung dazu auf: „Finde den Nagl!“. Alle Interessierten laden wir zum Workshop „Wie spike ich richtig“ ein. So wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, ist ein einzelner „Nagl“ noch lange kein Spike.

Eine Auswahl der hohen Kunst der Hofberichterstattung von Krähwinkel:

Anmerkung: Wer laufend über Aktivitäten rund um das Murkraftwerk Graz Puntigam informiert werden will, kann sich in die Newsletter von murXkraftwerk.at eintragen!

Aktueller Veranstaltungshinweis: Disobience - Kongress für zivilen Ungehorsam, 6.-8-10.2017, Graz

Impressum

Hauptnavigation
Schlagworte